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Leseprobe

Von Ostpreußen nach Westfalen
Erinnerungen der Familie Szeszny

Neue Heimat Westfalen
Ein Tag wie jeder andere im Juli 1969. Die Postsäcke wurden geöffnet, Briefe sortiert. Den Wertsack öffnete ich mit einem Zeugen; beschäftigte mich mit dem Inhalt, als mir einer der Briefträger einen Brief auf den Schreibtisch legte. Plötzlich kein Tag wie jeder andere mehr. Der Umschlag war uns Postlern bekannt: Es war die Erlaubnis zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland. Das musste ich meiner Frau per Telefon berichten. Zuerst Kündigung bei der Post; dann die Lauferei mit den Ämtern. Das musste meine Frau übernehmen, da ich noch im Dienst war. Am schwersten ist mir gefallen, die Landwirtschaft gerichtlich zu übergeben; denn ein Sprichwort sagt: „Was du von deinem Vater erbst, erwirb es, um es zu erhalten“. Aber die Umstände zwangen mich, die Ausreise ins Ungewisse anzutreten, in der Hoffnung, wenigstens den Kindern eine bessere Zukunft zu geben. Am 31. August 1969 beendete ich mein Arbeitsverhältnis bei der Post in Alt-Wartenburg. Nachdem wir den Papierkram erledigt hatten, mussten wir das Visum für die Ausreise aus Warschau abholen. Eine Woche vor der Ausreise gaben wir unser Gepäck auf. Es war vorgeschrieben, was wir mitnehmen durften: z. B. pro Person ein Federbett mit Kopfkissen, etwas Wäsche und Kleidung, Geschirr.

Da wir aus der Landwirtschaft kamen, durften wir auch landwirtschaftliche Erzeugnisse mitnehmen: Speck, Schinken, Wurstwaren, Weckgläser mit Fleisch, drei Zentner Weizen und zwei Zentner Kartoffeln. Das war alles in Kisten verpackt und wurde zum Zollamt am Bahnhof gebracht. Dort wurde alles von Zollbeamten streng kontrolliert. Alle Kisten wurden geöffnet. Die Artikel mussten von uns in einer Liste aufgeführt werden und wurden vom Zoll verglichen. Das war eine richtige Schikane. Meine Frau hatte eine geräumige Handtasche für den Papierkram, auch einen Umschlag mit Dokumenten und alten Urkunden. Den wollten wir in eine der offenen Kisten legen. Leider hat man uns beim Schließen der Kisten auf die Finger geguckt, so dass wir nicht die Möglichkeit hatten, den Umschlag in einer der Kisten zu deponieren. Aber weil wir die Kisten selber in den Waggon bringen mussten, ergab sich die Gelegenheit, den Umschlag blindlings hinter die schon im Waggon befindlichen Kisten zu werfen. Das konnten wir riskieren, weil der Waggon direkt an das Grenzdurchgangslager Friedland adressiert war. Unser Eigentum an Haus und Grund mussten wir dem polnischen Staat überlassen. Im Westen erhielten wir dadurch einen so genannten Lastenausgleich. Am 3. Oktober 1969 war es dann soweit.

Wir verließen unser Zuhause, unsere Heimat und fuhren mit dem Zug von Allenstein über Warschau in den Westen. Alles zurückgelassen. Unser Hund „Terri“, der bei unseren Nachbarn geblieben ist, lag nur noch vor unserer Türe, hat nichts mehr gefressen und ist kurze Zeit später eingegangen. Am 4. Oktober 1969 sind wir im Grenzdurchgangslager Friedland in der Bundesrepublik Deutschland angekommen. Die Friedlandglocke läutete uns ein. Es war ein schönes Gefühl. Aber mit Tränen in den Augen schauten wir in die Zukunft, denn wir standen ja vor einem Nichts. Unsere Kinder waren 9, 13 und 14 Jahre alt. In Friedland bekamen wir gleich Besuch. Auf dem Bahnhof standen zum Empfang bereit: Meine Schwestern Klara und Frieda, Schwager Josef und Neffe Herbert mit Frau. Das war ein kleiner Trost, sie alle für eine Weile um sich zu haben. Hier blieben wir vier Tage, bis alle Formalitäten erledigt waren.
Am 8. Oktober 1969 kamen wir in das Sozialwerk in Stukenbrock bei Paderborn; wohnten dort in der Baracke „Haus Pommern“, wo heute die Polizeischule ist. Dort war auch damals die Förderschule mit Internat für die Umsiedlerkinder. Uns nannte man Spätaussiedler. Unsere Kinder gingen alle in die Förderschule. In den Baracken war keine Kochgelegenheit. Wir wurden von einer Großküche kostengünstig voll verpflegt. Meine Frau arbeitete für sechs Wochen in der Küche. Unsere Kisten trafen in Stukenbrock ein. Auf einer stand groß drauf: „Papiere inliegend“. Jemand hatte die Papiere in Friedland gefunden und sie unseren Kisten zuordnen können, sie geöffnet und die Papiere hineingetan. So haben wir sie doch noch in den Westen gerettet. Den mitgebrachten Weizen konnte ich in einer Mühle verkaufen, das war mein erstes verdientes Geld. Der Müller sagte noch: „Gutes Korn. Bringen Sie noch mehr davon.“

Das Sozialwerk in Stukenbrock wurde zum 1.Januar 1970 aufgelöst. Es blieben nur die Förderschule und das Internat. Alles andere hat die Polizei in Anspruch genommen. Am 10. Dezember 1969 brachte man meine Frau und mich mit einem Bulli in eine Notwohnung nach Gütersloh, in die Düppelstraße 2. Dort bezogen wir zwei Zimmer. Unsere Kinder blieben vorerst im Internat in Stukenbrock. Zwei Jahre blieben unsere Kinder im Internat, nur in den Ferien kamen sie zu uns nach Gütersloh in die Notwohnung.

Jedes Mal brach es uns das Herz, wenn sie wieder zurück nach Stukenbrock mussten, besonders bei Alfred, er war ja erst 9 Jahre alt. Den Transport der Kinder haben größtenteils Schwager Josef Bartnik, Frau Stenchly, eine Lehrerin aus der Förderschule, mit der wir uns anfreundeten und die Familie Nördemann, die uns ebenfalls sehr geholfen hat, übernommen, da wir selbst keine Möglichkeit dazu hatten.
In Gütersloh wohnte meine Schwester Frieda, die schon 1968 ausgereist ist. Frieda besorgte mir ein gebrauchtes Fahrrad und auch Briketts für den Ofen. Ein paar Möbelstücke waren ebenfalls vorhanden. Für die Kinder haben wir Etagenbetten von der Stadt erhalten. Die Nichten und Neffen aus Avenwedde, Inge und Bruno Neuwald sowie Heini und Hildegard Lindenblatt haben uns auch tatkräftig unterstützt, so dass der Neuanfang gelang. Hier möchte ich besonders Gerda und Arndt Gieseke erwähnen, zu denen wir ein besonders inniges Verhältnis aufgebaut haben. Sie haben uns in vielen Dingen unterstützt und beraten.
Schon in Friedland hatte man uns für eine Nebenerwerbsstelle vorgesehen. Mit unseren drei Kindern galten wir als kinderreich. Außerdem konnten wir zurückgelassenes Eigentum nachweisen.

Am 15. Januar 1970 fing meine Frau in der Fleischwarenfabrik Vogt und Wolf in Gütersloh an zu arbeiten – im Versand als Packerin. Es war eine sehr schwere Arbeit. Ich fing am 19. Januar 1970 bei der Firma Bertelsmann in Gütersloh in der Abteilung „Sonopress“ an
zu arbeiten – in der Schallplattenabteilung als Zentrierer. So fing das Leben in Gütersloh an und wir verdienten das erste Geld; sparten hart; legten jeden Pfennig auf die hohe Kante. Zwei Jahre durften wir in der Notwohnung in der Düppelstraße 2 bleiben. Ende 1971 bekamen wir eine richtige 4-Zimmer-Wohnung in der Marienstraße 55 in Gütersloh. Unsere Kinder waren auch wieder Zuhause. Solange wir in Gütersloh wohnten, drei Jahre, spielte ich in der Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Gütersloh mit. Ich spielte Tuba. Die erste Lohnerhöhung im Frühjahr 1970 betrug 12 Prozent unter der Regierung von Willi Brandt. Wir beide haben auch jede Überstunde mitgenommen, um mehr Geld zu verdienen. Unser erstes verdientes Geld bekamen wir damals noch in der Lohntüte ausgezahlt. Wir mussten es vom Lohnbüro abholen. Erst später haben wir dann ein gemeinsames Girokonto auf der Sparkasse eröffnet und dorthin wurde das Geld dann überwiesen.

Unser Hintergedanke war ja, mal wieder ein Eigentum, ein Häuschen mit Garten zu besitzen.

Wir erhielten Post vom Lagerpfarrer Monsignore Wilhelm Scheperjans aus Friedland. Er bot uns eine Nebenerwerbsstelle in einer Friedlandsiedlung in Lingen im Emsland an. Dieses Angebot lehnten wir ab, weil es uns zu weit von unseren Verwandten war, die hier in Gütersloh und Umgebung wohnten. In Oelde war auch eine Friedlandsiedlung im Bau, doch da waren schon alle Plätze vergeben. In Verl entstand eine Bauernsiedlung; für dort stellten wir einen Antrag. Dann erfuhren wir, dass in Clarholz auch eine Siedlung für Spätaussiedler entstehen sollte. Wir setzten uns mit dem bischöflichen Beauftragten für die Siedlungshilfe der Friedland-Caritas, Monsignore Wilhelm Scheperjans, in Verbindung und erhielten den Zuspruch für eine Nebenerwerbsstelle in Clarholz. Unsere Tochter Irene begann ihre 3-jährige Ausbildung als Floristin bei Blumen Jordan in Gütersloh. Brigitte holte noch zwei Jahre Realschule nach und hatte somit die mittlere Reife erreicht. Sie machte eine Lehre als Bürogehilfin bei Architekt Josef Wegener in Wiedenbrück. Unser Sohn Alfred ging in Gütersloh zur Hauptschule in die fünfte Klasse. 1972 kauften wir uns das erste neue Auto: einen Opel Kadett B, einen Neuwagen in Bronze Metallic L- Ausstattung für 4600 DM. Den Führerschein besaß ich schon seit 1948.
Nachdem wir die feste Zusage für eine Nebenerwerbsstelle der Friedlandsiedlung in Clarholz hatten, begannen die ersten Gespräche und Versammlungen. Per Los aus dem Hut von Pfarrer Scheperjans wurden die ersten Siedlerstellen vergeben. Bankdirektor Herr Meier erklärte die Finanzierung. Unser Los fiel auf die Steinbreite 52. 670 Quadratmeter: Kosten 156.000 DM. Es war ein Einfamilienhaus in bungalowartiger Bauweise. Es wurde in zwei Abschnitten gebaut. Während des ersten Bauabschnittes fuhren wir des öfteren nach Clarholz, um zu sehen, wie sich die Siedlung entwickelte. Da stand noch das Gehöft der Geschwister Storck, die in ihrem Testament verfügten, das Grundstück für karitative Zwecke zu spenden. Dadurch war die Entstehung der Friedlandsiedlung möglich. Den Bau der Siedlung übernahm die Landesentwicklungsgesellschaft. Da die Bewerber aus verschiedenen Bundesländern kamen, war keine Eigenleistung möglich, nur die Malerarbeiten haben wir gemacht. Für das Dorf Clarholz war der Bau der Friedlandsiedlung eine besondere Herausforderung.

Bei einer Bevölkerung von damals 4000 Bürgern kamen 400 Neubürger (Fremde) dazu, das sind 10 Prozent der Bevölkerung.
Dass da Ängste und Vorbehalte laut wurden, ist nur zu verständlich. Für die Verwaltung und Wirtschaft hieß es: Arbeitsplätze schaffen. Die Schulklassen wurden plötzlich sehr groß. Dennoch erhielt jeder einen Arbeitsplatz.

Am 24. August 1974 sind wir dann nach Clarholz in unser Haus eingezogen. Unsere Arbeitsplätze haben wir jedoch nicht gewechselt. Wir fuhren weiter jeden Tag nach Gütersloh zur Arbeit. Ich hatte bis Bertelsmann einen Weg von 18 km, meine Frau bis Vogt und Wolf 15 km. Wir fuhren gemeinsam. Unser Sohn Alfred begann mit dem neuen Schuljahr die 8. Klasse der Hauptschule in Clarholz. Die 9. Klasse machte er in Herzebrock, weil die Wilbrandschule ab 1975 nur noch Grundschule war. Am 1. Oktober 1976 heiratete unsere Tochter Irene den Tischler Josef Kuboth aus Guttentag/Oberschlesien und zog nach Rheda-Wiedenbrück. Diese Ehe wurde 1993 geschieden.