Leseprobe
Lakwalters Erinnerungen
von Walter Bischoff
Gefährliche Zeiten – Der Krieg und die Zeit danach
Zur damaligen Zeit, ich war 15 Jahre alt, war es Pflicht, Mitglied in der Hitlerjugend zu sein. Man musste auch an den Veranstaltungen und Aktivitäten teilnehmen. Da ich aber zu Hause sehr viel auf dem Hof und inder Mühle arbeiten musste, bin ich mal zwei Terminen ferngeblieben. Dafür habe ich jeweils eine Verwarnung erhalten. Ab der dritten Verwarnung wurde man von der Polizei abgeholt und der Veranstaltung oder dem Dienst „zugeführt“. Dies wollte ich natürlich nicht und bin zu den künftigen Veranstaltungen lieber hingefahren. Zu einem Treffen bin ich in der letzten Minute erschienen. Vorher musste ich mich auf dem Hof sehr beeilen, um meine Arbeit beenden zu können. Ganz abgehetzt bin ich dann zum Treffpunkt erschienen. Wir sind von dort aus zur Firma Miele gefahren, um das Werk zu besichtigen. Dort musste ich mit einem Kumpel dann die Fahrradwache schieben. Darüber habe ich mich sehr geärgert. Je länger es dauerte, umso größer wurde meine Wut. Als dann alle zurückkehrten, habe ich den Fähnleinführer so dermaßen ausgeschimpft, was das Ganze denn überhaupt solle. „Dafür habe ich mich so beeilt, um hier auf die Fahrräder aufpassen zu müssen?“ Der Fähnleinführer sagte darauf zu mir, wenn ich so etwas vor versammelter Mannschaft mit ihm noch einmal machen würde, zeigt er mich an. Ich bin dann nach Hause gefahren und habe erstaunlicherweise nie wieder etwas von der Hitlerjugend gehört und bin auch zu keiner Veranstaltung mehr geladen worden. Eine Anzeige hätte schlimme Folgen für mich haben können.
Wie schon erwähnt, musste ich viel in der Landwirtschaft mithelfen. Mein Vater hatte schon vor 1933 vom Juden Ruthenburg eine größere Fläche Acker gekauft, die in Spexard hinter der Autobahn liegt. Es war gegen Ende des Krieges. Ich war auf dem Acker in Spexard mit unseren Pferden zum Pflügen. Da war plötzlich Fliegeralarm. Ich war nahe einer großen Hecke, als plötzlich ein Geschwader Tiefflieger über uns hinwegbrauste. Kurze Zeit später ratterten schon die Maschinengewehre. Hinter Rheda haben sie ein Pferdegespann erschossen. Heute denke ich, das hätte auch mein Gespann sein können und dass ich einen großen Schutzengel hatte.
Am letzten Tag des Krieges sollten wir als 16-Jährige noch zum Volkssturm eingezogen werden. Wir sind dann aber zu mehreren in Spexard in den Wald an der Autobahn gegangen, um uns zu verstecken. Als nachmittags die amerikanischen Panzer über die Autobahn ratterten, sind wir schnell wieder nach Hause gegangen. Als ich an diesem Morgen fortging und mich verabschiedete, hat unser Franzose, der als Kriegsgefangener bei uns zur Zwangsarbeit eingeteilt war, bitterlich geweint. Als ich am Abend aus Spexard zurückkam, war er nicht mehr da. Seinen Namen weiß ich noch ganz genau: Er hieß Louis von der Straten. Bei Bauer Klessmann war auch ein Franzose beschäftigt. Die zwei kamen morgens mit dem Fahrrad vom Lager in Pavenstädt und fuhren abends wieder zurück. Der Franzose, der bei Klessmanns gewesen war, ist später einige Male zu Besuch gekommen. Der alte Herr Klessmann ist mit ihm auch bei uns gewesen. Ich habe den Franzosen bei der Gelegenheit gefragt, ob er nicht wüsste, wo die Heimatstadt von Louis sei. Aber daran konnte er sich leider nicht erinnern. Unser Louis war ein ganz lieber und bescheidener Mann. Er hatte bei uns Familienanschluss. Wenn ich seine Adresse bekommen hätte, hätte ich ihn ganz bestimmt besucht. Louis konnte nicht viel Deutsch sprechen. Er sagte immer, er wäre zu dörr, um Deutsch zu sprechen.
Von der Autobahn muss ich noch berichten, dass es verboten war, die Autobahn mit dem Pferdewagen zu befahren. Einmal bin ich von der Amelingstraße auf den Brock bis unter die Autobahnbrücke gefahren. Plötzlich hielt ein Fahrradfahrer mit einer weißen Armbinde mich an und sagte, es wäre verboten die Autobahn zu befahren. Er fragte nach meinem Namen. Ich antwortete: „Konrad Pähler“. Wie ich so schnell auf den Namen gekommen bin, weiß ich bis heute nicht. Dann sagte er, ich sollte mitkommen zur Raststätte, um meine Personalien festzustellen. Darauf antwortete ich, dass ich meine Pferde nicht verlassen könnte, da sie fortlaufen würden. Der gute Mann meinte: „Dann sehen wir uns nächste Woche vor dem Militärgericht wieder.“ Es ist dann aber weiter nichts geschehen. Danach bin ich aber immer über die Autobahnbrücke gefahren. Wie schon erwähnt, haben wir in Spexard Ackerland. Dorthin wollten wir zum Pflügen. Vorher sagte uns einer, wir sollten lieber in der Worth über die Autobahn fahren, dort wären belgische Soldaten zur Bewachung. Die wären nicht so streng wie die auf der Autobahnbrücke am Brockweg. Zu der Zeit half uns ein Herr Solinger. Wir zwei sollten also zum Brock zum Pflügen fahren. Herrn Solinger erzählte ich, dass ich nur einen Hitlerjugend-Ausweis hätte. Darauf hat er mir gesagt, dass ich den ruhig mitnehmen könne. Bei der Auffahrt zur Autobahnbrücke kamen uns schon die 16-jährigen Flakhelfer mit belgischer Bewachung entgegen. Oben auf der Autobahnbrücke angekommen, wurden wir angehalten. Ich zeigte meinen Hitlerjugend-Ausweis. Daraufhin musste ich mitkommen und wurde bei Stückerjürgen zusammen mit den Flakhelfern in den Keller gesperrt. Nach einer Zeit mussten wir uns draußen aufstellen. Es ging im Gänsemarsch in Begleitung der Bewachung mit aufgepflanztem Gewehr über die Autobahn zur Verler Straße. Dort war der Kommandant stationiert. Wir mussten uns in einer Reihe aufstellen. Ich hatte Holzschuhstiefel an, denn Gummistiefel gab es zu der Zeit noch nicht. Der Kommandeur hat mich angeschaut und machte dann eine Kopfbewegung, dass ich gehen könnte. Zu Hause angekommen, hatte mein Vater meine Schwester Martha schon zum Rathaus geschickt. Sie wollte bewirken, dass man mich frei ließ, weil ich am Hof unbedingt gebraucht wurde. Ich war aber eher zu Hause als meine Schwester. |